Laufbericht: Marathon de Dunkerque (14.10.2007)

 

Marathon de Dunkerque.

Von Medaillen und Goudale.

 

Nach der Dauerdusche beim >>[Transléonarde] in der Bretagne hatte ich ja noch etwas gut bei den Franzosen und sie ließen sich da auch nicht lumpen. Der Morgen des 14. Oktober versprach alles was das Herz des Marathonis begehrt. Ein strahlend blauer Himmel bei 9º C und lediglich ein schwacher Wind. Da unser Hotel direkt an der Strecke lag mussten wir uns einen strategisch günstigeren Parkplatz suchen, um die Mobilität meiner Frau zu gewährleisten. Dieser fand sich dann auch am Quai des Hollandais, direkt neben der Stadtverwaltung, wo ich am Vortag mein „Dossard“, sprich die Startunterlagen, abgeholt hatte. Dies war eine sehr einfache und schnelle Angelegenheit. Etwas Bedenken hatte ich schon, da ich nicht im Voraus bezahlen konnte, weil eine Bezahlung mit Kreditkarte nicht angeboten wurde. Trotzdem erhielt ich noch den Frühbucherrabatt und kam mit 25,- € davon. Die Unterlagen allerdings etwas spärlich, aber auf Wunsch gab es dann auch einen Stadtplan. Gegen einen Gutschein erhielt man ein T-Shirt aus Baumwolle. Etwas enttäuschend für eine Veranstaltung, die immerhin auch noch unter französische Meisterschaft im Marathon lief. Im Vorjahr gab es wohl noch ein richtiges Funktionsshirt. Aber schließlich geht man ja nicht dafür an den Start. Etwas kurios fand ich einen Zettel, auf dem der Aufbau der Verpflegungsstationen erklärt war. Zuerst der Tisch mit den Eigengetränken und dann Wasserflaschen, Rosinen, getrocknete Aprikosen, frische Früchte, in diesem Fall Apfelsinen und Bananen sowie Würfelzucker. Na, so schnell bin ich dann doch nicht, als das ich das nicht auch so noch erkannt hätte. 

In der Fußgängerzone trafen wir dann Frédéric, für den ich den Hasen machen sollte. Auf dem Place Jean Bart, benannt nach dem Befreier Dünkirchens von den Engländern und geziert mit einer entsprechenden überdimensionalen Figur, eine kleine Zeltstadt, le village Marathon. Darin die Kleiderbeutelabgabe, die Bühne mit dem Ansager, ein Schuhhändler und drei Dixies, die mir arg wenig vorkamen. Es ging dann aber doch ohne längere Wartezeiten. Ob es an dem doch ziemlich kleinen Teilnehmerfeld von gut 1000 Läufern lag oder den drei weiteren Toiletten im Startbereich war nicht erkennbar. Das Starttor selber lag gut 300 m weiter die Avenue hinunter. Langsam wurde es auch schon knapp für uns, denn die Handbiker fuhren schon los und unser Start war schon fünf Minuten später angesagt. Es reichte aber noch locker, auch wenn ich den Kampf mit der Pulsuhr noch nicht gewonnen hatte. Die frische Temperatur verhinderte jede Schweißbildung und irgendwie reichte meine Spucke nicht um dem Brustgurt ein Signal zu entlocken. Quasi mit dem Start ging es dann doch noch. Dieser verlief völlig unspektakulär. Vorneweg liefen die Kandidaten der Meisterschaften und hintendran einfach der Rest, wild gemischt. Die Ballons der Pacer fast alle in einem Knubbel. Man kennt sich halt. Für Frédéric war es der 5. Marathon. Da er immer deutlich über 4h lag, war also das Ziel es einmal darunter zu versuchen. Die Analyse seiner bisherigen Läufe zeigte, dass er immer zu schnell losgelaufen war und im letzten Viertel eingebrochen war. Unabhängig davon hatte er auch noch ein paar eigenartige Essgewohnheiten, denen ich aber schon im Vorfeld einen Riegel vorgeschoben hatte. Nun sollte diesmal nichts passieren und meine Aufgabe war es erst einmal ihn zu bremsen. Auf den ersten Kilometern durch den Hafen erübrigte sich das aber, da das Feld noch zu dicht war. Überholen war nicht wirklich möglich. Der Hafen zeigte sich im Morgenlicht in voller Pracht, die Boote und Schiffe lagen ruhig an ihren Plätzen und die verschiedenen Metallteile funkelten in der Sonne. Relativ früh stand dort schon eine Gruppe von Flöten- und Dudelsackspielern, die einige lustige Weisen zum Besten gaben. Über zwei Brücken, mit zu vernachlässigenden Steigungen, ging es durch das alte Seebad Malo les Bains auf die Strandpromenade. Hier erhöhte sich auch die Zahl der Zuschauer, die bislang sehr spärlich war. Die Läuferschlange zog sich endgültig auseinander, so dass es am Verpflegungsstand kein Gedränge gab. Gereicht wurden Plastikflaschen mit 33 cl. Die Menge ist zu groß, weshalb viele die schlechte Angewohnheit haben halbvolle Flaschen auf den Boden zu werfen, was zu einem echten Hindernisrennen führt, denn anders als Plastikbecher sind diese Flaschen dann relativ schwer und massiv. Wenn man da falsch drauf tritt ist das Rennen vorbei. 

Erwartungsgemäß ergeben sich bei der langsameren Fraktion diverse Gespräche. Man tauscht sich aus über Erfahrungen und geplante Wettkämpfe. Frédéric begrüßte ein paar Freunde, die wir einholten. Vom Strand weg ging es durch Vororte, wo doch einige Anwohner vor den Türen standen oder aus den Fenstern schauten und uns ermunternde Worte zuriefen. Doch noch ein bisschen früh. Hier trafen wir auch den „Hasen“. Ein Läufer, der in einem blau-weißen Hasenkostüm unterwegs war. Das scheint eine kleine Tradition zu sein und ich vermute, dass er häufiger fotografiert wurde als die Spitzengruppe. Wir waren noch nicht bei km 10 und er atmete schon hörbar. Ob das nun an dem Kostüm lag oder an Trainingsmangel war nicht zu klären, aber er hatte trotzdem gute Laune. An der kommenden Schwammstation offenbarte sich ein weiteres Problem. Man bekam keinen Schwamm mit den Startunterlagen sondern an jeder Station einen neuen. Dementsprechend lagen massenweise Schwämme auf der Straße. Nach km 10 wurde ein Teil des Weges zu Pendelstrecke, auf der uns auch prompt die Spitzengruppe entgegenkam, die wie erwartet aus zwei Kenianern bestand. Der Dritte folgte mit einem deutlichen Abstand. Auf halber Strecke kamen wir an der Usines des Dunes vorbei, einem Stahlwerk. das sich durch einen üblen Geruch bemerkbar machte. Ein herber Kontrast zu der frischen Seeluft und auch die graue Mauer passte nicht zu der Dünenlandschaft zu unserer Linken und den Feldern zur Rechten. In diesem Abschnitt gab es auch wieder einen Révitaillement, wo wir den Hasen wieder verloren. Ein Stück weiter stand eine Gruppe Cheerleader. Leider ohne Kostüm und nur mit ihren Wedeln. In Zydcote fand sich dann der Wendepunkt. Da war es natürlich interessant zu sehen, wer einem denn so alles folgt. Aber noch sahen sie alle frisch aus. Irgendwo bei km 15 wartete dann schon brav meine Frau mit einem Gel. Bei dem Tempo reichte das auch. Ein Stück weiter dann eine groß angekündigte Karnevalsgruppe. Dünkirchen gehört zu Flandern, weshalb es diese Tradition auch dort gibt. Allerdings machte diese Truppe den Eindruck als hätte sie bis früh in den Morgen gefeiert und war kein wirklicher Werbeträger. Da stand auch Frédérics Vater am Straßenrand und natürlich musste man sich erst einmal begrüßen. Über die Dauer war ich etwas perplex, denn wenn man Zeitziele hat sollte man diese auch konzentriert nutzen. Immerhin ging es weiter und diesmal durch Felder, die von Gärtnereien zur Aufzucht in erster Linie von Chrysanthemen genutzt wurden. So konnten wir diesen Duft einige Zeit genießen, bis der Weg wieder in die Stadt führte. Noch zwischen den Feldern überholten uns dann allerdings die Handbiker, was auf der schmalen Trasse sehr ärgerlich war. Auf einem Kurs der zweimal zu bewältigen ist kann so etwas nur zu Problemen führen. Frédéric erhielt einen Anruf von seiner Frau und bestellte eine Flasche Rotwein und zwei Gläser. Aber erst für die zweite Runde bitteschön. Unsere Meinungen gingen da doch erheblich auseinander. Er meinte auf den letzten Kilometern könnte ja wohl nicht mehr viel passieren. Meine Erfahrungen sagten mir, dass immer erst auf den letzten Kilometern etwas passiert. Aber seine Mentalität ist da halt eine andere. Nach 1:55:36 h überschritten wir die HM Marke. Am Place Jean Baert war immer noch nicht wirklich viel los. Die äußerst großzügigen Absperrmaßnahmen standen in keinem Verhältnis zu den Zuschauerzahlen. So ging es also in die zweite Runde. Die Sonne mittlerweile hoch am Himmel und angenehm warm. Die Dudelsackspieler immer noch fröhlich aufspielend. Es war eine Lust zu laufen. Auch auf der Promenade spielte eine kleine Brassband, deren Klänge aber nicht weit trugen. Meine größte Angst war es gewesen, bei Regen und Wind hier laufen zu müssen. Der Witterung ist man hier völlig ausgeliefert, aber wir hatten unverschämtes Glück. 

Bei km 24 fiel Frédéric dann überraschend zurück. Er trank im Gehen. Ich tänzelte etwas. Lief dann mal rückwärts und schließlich wieder langsam vorwärts bis er aufgeschlossen hatte. Dann ging es locker weiter, aber schon spürbar langsamer. Als wir wieder an dem Haus seiner Eltern vorbeikamen stand auch seine Mutter vor der Tür. Natürlich wieder eine traditionelle Begrüßung. Ich drängelte, mit ständigem Blick auf die Uhr. Noch waren wir im grünen Bereich, mussten das Tempo aber wieder erhöhen. Ich versuchte zu ziehen, aber schnell wurde unser Abstand wieder größer. Also bremsen. Km 30, 2:48:22, schon wollte ich frohlocken, da ging Frédéric direkt von der Matte zu einem Gartenzaun und begann mit Dehnübungen. Zum wiederholten Male deutete er mir an, ich solle weiterlaufen. Völlig unentschlossen blieb ich stehen. Würde er aufgeben oder den Rest gehen oder…??? 

Den Ausschlag gab dann, dass ich wusste, dass Kilian irgendwo an der Strecke stand und die letzten km wieder mit mir, eigentlich uns, laufen wollte. Ein paar Mal drehte ich mich noch um, aber Frédéric stand immer noch an dem Zaun und zog seine Fersen hoch. Hammermann pur! Meine Verwunderung dauerte nur so lange, bis seine Frau uns erzählte, dass er in den letzten zwei Wochen nur einmal eine Stunde Laufen war. Chapeau, wie der Franzose zu sagen pflegt. Bei seiner auch sonst schwachen Vorbereitung wäre ich so nicht an den Start gegangen. Da ist Leiden vorprogrammiert und er kannte das schon. 

Aber mein neues Ziel war gesetzt, ich wollte doch noch unter 4h bleiben. Ein Minus von mittlerweile 5 Minuten erforderte allerdings ein deutlich höheres Tempo auf den letzten 12 km. Kraft war allerdings noch reichlich vorhanden, denn bisher war ich auf 75% HFmax gelaufen. Also erst einmal langsam hochgeschraubt, denn mittlerweile reichte auch schon die Sonne zum Schwitzen. Nach dem Wendepunkt sah ich Frédéric nicht mehr auf der Gegenbahn. Hatte er aufgeben oder hatte ich ihn nur nicht gesehen? Ein Läufer fragte mich nach der Zeit. Ob wir es noch unter 4h Stunden schaffen würden? Er war so ein 185 Typ mit Kopfhörern in den Ohren und einer Schirmmütze. Auf seiner Stirn stand der Schweiß in dicken Tropfen und er tat mir etwas Leid. Ich konnte ihm nicht sagen, dass es bei seinem Tempo nichts mehr werden würde. Viele der mir entgegen kommenden machten schon einen ziemlich angeschlagenen Eindruck. Aber auch in meiner Richtung gingen schon sehr viele und ich war nur noch beim Überholen. Dank der französischen Methodik lässt sich das sogar quantifizieren. Bei km 30 war ich auf Platz 594 und im Ziel auf Platz 505. 

Bei km 39 hopste dann auch Kilian schon von einem Bein aufs andere. Da mein Tempo jetzt schon ganz ordentlich war, war ich auch froh, dass er nicht schon bei km 37 gestanden hatte, denn so sind im zwei km knallige Sonne erspart geblieben, was für seinen Hauttyp nicht geeignet ist. Schon seit einiger Zeit folgte ich einem afrikanischen Typ, der mir genau das richtige Tempo zu haben schien. Am letzten Verpflegungsstand blieb er allerdings stehen und trank in Ruhe. In solchen Augenblicken frage ich mich, ob ich überhaupt die richtige Einstellung habe. Nichts läge mir ferner als keine zwei km vor dem Ziel noch eine Pause einzulegen. Scheint aber alles reine Nervensache zu sein. 

Auf der letzten Brücke haben wir dann zum Endspurt angesetzt und noch ein Dutzend Läufer überholt. Hier liefen die meisten wieder. Im Zielkanal wurde Kilian wieder rausgefischt, aber da wir den Mann schon gesehen hatten und das Spiel schon kannten lief es diesmal problemlos und wegen der wenigen Zuschauer konnte er auch parallel weiterlaufen. 

Hinter der Matte warteten dann ein paar freundliche Helfer, die mich von dem Chip befreiten. Das war sowieso witzig, als man einen Championchip bekam, ohne Leihgebühr, und dieser mit einem Kabelbinder am Schuh befestigt werden musste. Dass man seinen eigenen Chip nicht benutzen dürfte muss organisatorische Gründe gehabt haben.

Im Zielbereich gab es dann die Medaille und das schon von der Strecke bekannte Menü. Beim Verlassen erhielt man noch eine Flasche Goudale. Ein regionales Bier in 75 cl Flasche und Korkenverschluss. Es handelt sich um ein so genanntes bières brune, ist sehr malzig und dadurch nicht jedermanns Geschmack.

Wie es sich gehört haben wir uns auf die Suche nach Frédéric gemacht und sind die Strecke zurückgegangen. Er lag gut 20 Minuten hinter mir und so bin ich die letzten Meter doch noch mit ihm gelaufen.



Es war ein toller Lauf. Die Strecke ist für Bestzeiten allerdings weniger geeignet, da der Bodenbelag zum Teil einfach schlecht war. Einen zweiten Versuch werde ich wohl auch nicht wagen, denn so viel Glück mit dem Wetter kann man einfach nur einmal haben. Die Orga war besser als ihr Ruf und ließ nicht wirklich Wünsche offen. Die Strecke besticht durch ihre Vielfalt und es ist schade, dass es so wenig Interesse von Seiten der Bevölkerung gab. Dünkirchen hat sich wirklich gemausert und lädt mittlerweile sogar zum Flanieren ein

 

Peter Müller, Team Kempen 

 

>> 19.10..2007