Laufbericht: Münster Marathon (09.09.2007)

 

Münster Marathon 2007

Prolog
Zu manchen Läufen kommt man ja wie die Jungfrau zum Kinde. Der Münstermarathon stand ursprünglich nicht auf meiner Liste, aber mein alter Freund Karl hatte eine Wette abgeschlossen, dass er bis zum Herbst einen Marathon laufen würde. Wenn man nicht sagen will, dass er stur ist, wäre der Vergleich mit einem Panzer adäquat. Schon im Ansatz war klar, dass ich ihm diese Idee nicht würde ausreden können, weshalb ich direkt den letztmöglichen und halbwegs realisierbaren Lauf rausgesucht habe. So kam es zu Münster und als „Coach“ habe ich mich direkt selber angemeldet. Ergänzend wurde noch ein Trainingsplan entwickelt, mit dem Ziel möglichst gesund das Ziel zu erreichen. Dies war natürlich nur mit einem besonders langsamen Tempo möglich. Also sub 5h. Als kleine Kapriole und weil ihm gerade so danach war, ist Karl dann schon mal zu Testzwecken beim Monschau Marathon gestartet. Vernunft? Nein, aber halt stur und die 5:18h sogar noch ganz respektabel. 

Münster
Da uns Münster gefällt und wir uns auch nicht in aller Herrgottsfrühe auf den Weg machen wollten, sind wir also schon am Samstag angereist. Also meine Frau, unser Kilian, Karl und ich. In Telgte, 11 km von Münster, hatten wir eine günstige Unterkunft (20,- € pro Nase) gebucht, die sich als sauber und ordentlich erwies. Also nur kurz die Taschen ins Zimmer geworfen und ab nach Münster. Die neue Startnummernausgabe war schnell gefunden und es lief wie gewohnt reibungslos. Die Messe leider etwas enttäuschend sowohl vom Umfang als auch der Auswahl. Verwunderlich bei dem relativ großen Starterfeld. Dann ging es ins „La Torre“, wo ich vorsichtshalber schon reserviert hatte. Ob nun wirklich über 1000 Gerichte auf der Speisekarte stehen haben wir nicht geprüft, aber der Umfang ist schon so, dass uns die Entscheidung schwer fiel und wir bei der Auswahl deutlich länger brauchten. Das Preisleistungsverhältnis stimmt aber, so dass mir eine Empfehlung leicht von den Lippen kommt.
Der morgendliche Blick aus der Tür war recht verheißungsvoll. Kühl und bewölkt, also gute Bedingungen zum Laufen. Das Frühstück ganz wettkampforientiert aus Rosinenbrot und Honig. So kamen wir auch frühzeitig los, denn es stand ja noch unser Treff an. Die Parkplatzsuche gestaltete sich dann aber doch sehr schwierig. Denn dank der Absperrungen und ortsunkundig kamen wir nicht so richtig in die Nähe des Hindenburgplatzes und parkten schließlich in einer Wohnstraße. Am Treffpunkt fand sich dann zu dieser Zeit dann auch kein Fori mehr. Ich vermutete sie schon alle in den Schlangen vor den Toiletten. Also selber anstehen, schon mal ein Gel eingeworfen (Thorsten, was hast Du mir denn da mit Tropical empfohlen?) und einen Schluck Wasser hinterher. Dann ging es auch schon in die Startaufstellung. Mein erklärtes Ziel für heute waren sub 3:30h. Nach den Erfahrungen aus Düsseldorf habe ich mich gar nicht erst in meinen Startblock gestellt sondern bin gleich einen weiter vorgegangen. Wie gewohnt war die Läuferherde unruhig und zappelte auf der Stelle herum. Auch hier leider keine bekannten Gesichter. Ein Stück weiter vorne im Block der Pacer mit seinen schönen gelben Ballons, die mir den Weg weisen sollten.
Nach dem traditionellen Countdown ging es dann auf die Piste. Trotz früh, kühl und leicht gräulichem Himmel wieder viele Zuschauer am Straßenrand. Münster im Marathonrausch. In der Stadt auch wieder viele Menschen in den Fenstern, oft mit Schildern mit persönlichen Grüßen für bestimmte Läufer in den Händen, manchmal auch auf der Fahrbahn. Der Geräuschpegel auch schon nichts mehr für Morgenmuffel. Vor einer Unterführung stand die „Banane“, ein Mann mit Bananenkostüm, als Vertreter eines Sponsors für fairen Handel mit Entwicklungsländern. In der Unterführung dann eine Musikanlage, deren Schallwellen uns aber schon beinahe wieder aus dem Tunnel drückte. Mit einem radikalen Schwenk nach rechts führte die Strecke dann durch die Altstadt, die uns mit Kopfsteinpflaster empfing. Zu diesem Zeitpunkt noch kein Problem, aber schon ein Vorgeschmack für die letzten 500 m, wenn die Füße schon richtig platt sind. Es herrschte richtig Trubel, von Tribünen wurde eingeheizt, am Straßenrand tanzten bunte Cheerleader. Die Stimmung wieder einmal exzellent. Eigentlich ist das ein bisschen Schade, der Läufer hat keine Zeit anzuhalten und das ganze zu genießen und die Zuschauer sind doch mehr oder weniger örtlich gebunden und bekommen die ganze Vielfalt des Programms nicht mit. 
Weiter ging es am Aasee entlang und dann darüber. Vor mit schaukelten die gelben Ballons mit den verheißungsvollen 3:30 drauf und mein Puls voll im grünen Bereich. Was für ein Tag! Am Start 17 Grad und die Sonne hielt sich auch brav bedeckt. 
Diese lockere Gruppe, in der ich lief, war allerdings ganz anders als ich es bisher kennen gelernt hatte. Sehr schweigsam und konzentriert, wenn nicht sogar verbissen. So richtig witzig fand ich das auf Dauer nicht. Zwischenzeitlich fing mein Magen an zu rumoren. Na, der wollte doch nicht etwa Ärger machen? Zwischendurch zu erbrechen stelle ich mir immer als GAU vor. Aber es blieb ruhig. 
An den Getränkeständen kam es dann schon mal zu Gedränge, da einige besonders Ehrgeizige sich rücksichtslos von außen Bahn brachen um einen Becher zu ergreifen. Ob das wirklich so viel Zeit spart? 
Die geänderte Strecke machte sich insofern bemerkbar, als dass ein netter Sprühregen einsetzte, als wir die Randbezirke von Münster verließen. Das spielte aber keine so große Rolle mehr, da meine Füße, dank der Drängeleien am Wasserstand und dem damit verbundenen Geschlabbere, schon durch und durch nass waren. Viel Landschaft gab es in diesem Bereich nicht, nach der Überquerung der Autobahn mit der einzig nennenswerten Steigung ging es auch schon durch Nienberge. Wieder Volksfeststimmung pur. Unglaublich wie viele Menschen hier mobilisiert werden können. Hier auch die HM Marke mit beruhigenden 1:44h irgendwas. 
Zwischenzeitlich war auch etwas Wind aufgekommen. Nicht stark aber mit den nassen Klamotten doch unangenehm. Aber was half es? Wieder in die Botanik. Bei km 24 stand mein Versorgungstrupp, von dem ich zwei Gels gereicht bekam. Zeit zum Nachtanken.
Keine zwei km weiter dann plötzlich ein stechender Schmerz im rechten Knie. Es war als wäre ich gegen eine Wand gelaufen und stand schlagartig. Irgendjemand mault mich von der Seite an und überholte. Ich humpelte ein Stück und nahm wieder den Schritt auf. Meine Ballons hatten sich schon etwas entfernt. Das ganze Bein wabbelt etwas, aber für ein paar hundert Meter ging es wieder und rückte wieder an meine Ballons ran. Die Pacer liefen zu dritt und mit einer unglaublichen Präzision. Es galt nur an ihnen dran zu bleiben. Kurz vor Roxel bremste mich der Schmerz wieder aus. Meine Ballons entschwanden, aber ich war schon zu sehr mit meinem Knie beschäftigt um mir Gedanken darüber zu machen. Achim Heukemes hat einmal gesagt, dass der Schmerz immer kommt und dass man ihn akzeptieren muss. Leider hat er nicht gesagt, wie lange er gebraucht hat um das zu lernen. Ein einziger Marathon reicht für mich jedenfalls nicht. Zum Glück fotografierte mich da niemand. Mein Gesicht sah bestimmt nicht nach höchster Motivation aus. 
Udo hat einmal geschrieben, dass er weiß, dass es wehtun wird und sich trotzdem an den Start begeben. Nun überlege ich ob es besser ist, wenn man es vorher weiß und mental darauf vorbereitet ist, obwohl Schmerz nun mal Schmerz bleibt. Es war klar, dass ich würde kämpfen müssen. Einen Augenblick dachte ich an aufgeben, aber das kam dann doch nicht in Frage. Zeitlich war auch noch was drin, es wurde nur schwieriger bei der einsetzenden Ermüdung, auch noch gegen den inneren Schweinehund anzukämpfen, der sich zum Monstrum auswuchs. Und wer will schon vernünftig sein? Die Zuschauer nahm ich kaum noch war, auch die Umgebung nicht. Nur noch die Strecke, kleine Ziele setzend, bis zu denen ich durchhalten wollte. An den Verpflegungsständen ging ich dann und bevor ich mich wieder aufraffen konnte lagen die Stände immer weiter hinter mir. Trotzdem hing mein Blick auf der Uhr. Es ging noch was und das war Motivation genug. Ein bisschen Ehrgeiz bleibt immer. Kurz vor km 40 wartete Kilian auf mich. Warum ich denn so spät käme? Die Jungend hat es halt eilig, keine 10 Minuten machen da schon Welten aus. Es tat aber gut ihn bei mir zu haben. Etwas mehr hätte er aber ziehen können. Das neue Ziel waren sub 3:40h, es konnte noch klappen, wenn ich noch mal eine Pace von 5 Minuten schaffte. Das Tempo ließ sich aber nicht abschätzen und ich versuchte was geht. Die Menschen standen jetzt immer dichter und versuchten die Läufer aufzumuntern. Aber es war nicht mehr wie in Düsseldorf. Alles prallte an mir ab, weil ich die Zähne so zusammenbeißen musste. Wie schade, wo es doch so herzlich gemeint war. Es nahte die Tribüne vom WDR und wieder durch die Cheerleader in ihren blau-weißen Kostümen auf das Kopfsteinpflaster. 

 

 

Das gefiel dem Bein überhaupt nicht aber auf den letzten 500m musste es einfach durchhalten. Jetzt nur nicht hinfallen. An Endspurt kein Gedanke. Endlich das Ziel vor Augen und vor allem die Uhr. Es konnte noch klappen und dann waren wir drin. Meine Uhr stoppte ich bei 3:39:49h. Die Beine schmerzten, wohl wegen des eigenartigen Laufstils auf den letzten Kilometern. Die Finishermedaille umgehängt und erst einmal ein Erdinger. Vorsichtshalber nahm ich mal gleich zwei, da dort viele volle Becher rum standen. Dies wohl ein Indiz dafür, dass es in diesem Jahr deutlich kühler war als im Vorjahr. Noch das Finshershirt abgeholt und dann war Feierabend angesagt.

Epilog
Natürlich war die Veranstaltung damit noch nicht zu Ende, denn Karl war ja noch auf der Piste. Für ihn hatte ich eine Zeit von 4:45 – 5:00h angenommen. Also stellten wir uns in den Zielbereich unter die bunten Wimpel, die zwischen den gotischen Fassaden wie ein Dach wirkten. Für mich war es nett auch einmal aus dieser Perspektive den Lauf zu beobachten. Die Langsameren waren eindeutig die Lustigeren. Da kam eine Gruppe mit gelben Perücken, zwei Indianer und was den Leuten noch so eingefallen war. Direkt gegenüber lag die Tribüne, auf der die Siegerehrungen vorgenommen wurden. Alles nicht meine Liga. Der MüMa hat ja ein Limit von 5h und so wurde ich um 13:50 Uhr doch etwas unruhig, denn unser Karl war immer noch nicht am Horizont erschienen. Also entschloss ich mich ihm entgegen zu gehen. Meine Beine schrien „niemals“, aber die Disziplin obsiegte. Eilig hatte ich es ja auch nicht. In Richtung der WDR Bühne wurde es dann immer leerer. Die Masse der Zuschauer war schon abgezogen. Da ich meinen Beinen auch nicht mehr zuviel zumuten wollte blieb ich in der Nähe stehen. Zahlreiche Läufer passierten mich und die Uhr tickte unerbittlich. Um 13:55 Uhr kam er dann auf mich zu und erkannte mich zuerst gar nicht, war aber dann doch erfreut. Noch einmal Zähne zusammenbeißen. Mir war klar, dass es verdammt knapp werden würde weshalb ich noch einmal aufs Tempo drücken musste. Als wir die Matte passierten zeigte die Uhr 5:01:18h. Netto waren es dann aber doch 4:58:28h.

So endete der Tag zwar mit einem verpassten Ziel aber zwei neuen Bestleistungen. Meine Planungen für den Rest des Jahres dürften sich aber erledigt haben. Der Doc ruft.

 

 

Die Medaille vom Vorjahr finde ich schöner. Das Shirt in schwarz sieht gut aus, scheint aber qualitativ auch nicht an das vom Vorjahr heran zu kommen. 

Peter Müller

>> 12.09..2007