Laufbericht: Marathon du Finistère (Transleonarde) (24.06.2007)

 

Laufen am Ende der Welt.

Peter Müller beim Marathon du Finistère

 

Prolog
Dies wird mehr ein Reisebericht denn nur ein Laufbericht. Das ganze Drumherum ist es aber wert beschrieben zu werden.

Ursprünglich stand ja der Marathon de Mont-Saint-Michel auf meiner Agenda. Womit dann auch schon die erste Überraschung verbunden war, als wir feststellten, dass der Termin, von uns unbemerkt vorverlegt worden war, just in dem Augenblick, als wir buchen wollten. Die Genehmigung für die vorzeitige Beurlaubung der Kinder lag schon vor, so dass es galt eine Alternative zu finden. Da meine Frau schon immer mal wieder in die Bretagne wollte, fiel die Wahl daher auf den Marathon de Finistère, der nur eine Woche später stattfinden sollte. Also kurz entschlossen online angemeldet. Die Startgebühr von 29,- € hat auch etwas Sympathisches. Der „Transléonard“ wirbt auch damit, dass es ein rein sportlicher Lauf ist. Es gibt keine Prämien, weshalb die Amateure faktisch unter sich bleiben.

Für die Woche vorher hatten wir uns eine Ferienwohnung am Fuße der Halbinsel Crozon genommen. So ging es also direkt freitags mittags los bis Honfleur, wo wir einen Zwischenstopp einlegten. Auf der Weiterfahrt haben wir natürlich den Mont-Saint-Michel auch noch besichtigt, da er am Wegesrand lag und erreichten dann am späten Nachmittag unser Ziel. Hier waren dann auch die letzten Trainingseinheiten zu absolvieren. Das Gelände stellte sich für mich aber sehr ungewohnt dar. Wie an Felsküsten mit einigen schönen Stränden eigentlich nicht anders zu erwarten, gab es keine ebenen Strecken. Dafür Steigungen und Gefälle für jeden Geschmack. Da unser Standort auf der Karte vorher nicht zu ermitteln war konnte ich auch keine Strecke planen und bin also auf Zeit gelaufen. Eine Stunde GA1 besagte der Trainingsplan. Normalerweise laufe ich in dieser Zeit gut 10 km, hier bedingt durch die Steigungen voraussichtlich also weniger. 

Meine Frau sagte schon, dass man nicht zum Sonnenbaden in die Bretagne fährt und das Gummistiefel im Gepäck ein Muss sind. So war es dann auch. Bei meiner ersten Runde Richtung Küste blies mir ein steifer Wind entgegen. Der Schweiß hatte keine Chance. Der Blick über die schroffen Felsen auf die See hinaus entschädigte aber für das anfängliche Frösteln. Erst bei dem Anstieg vom Strand rauf, mit dem Wind im Rücken, merkte ich wie mein Shirt anfing zu kleben. In Kontrast zu den Felsen der Küste, dem rauen Wind und dem grauen Himmel stand die Blütenpracht. Besonders Hortensien in allen Farben und kaum vorstellbarer Üppigkeit erfreuten das Auge. Dazu jede Menge Wildblumen in mannigfaltigen Farben und Formen. In windstillen Augenblicken stiegen auch Wolken mit Kräuterduft an den Wegesrändern auf. Dass der Wind ein beherrschendes Element ist erkannte man aber daran, dass die Hummeln deutlich kleiner sind als in unseren Breiten. Die Woche verbrachten wir mit Touren und Besichtigungen, wozu es reichlich Gelegenheit gab. Lediglich an einem Tag blieben wir gänzlich vom Regen verschont. Ein Omen für das Wochenende?

Am Samstag brachen wir dann nach Plouescat auf, wo wir Zimmer in einem Hotel gemietet hatten. Die Buchungen für die Ferienwohnungen gehen immer von Samstag auf Samstag. Zwar hätten wir sicherlich noch einen Tag dran hängen können, da unsere Wohnung noch nicht weiter vermietet war, aber bei einem Start um 09:00 wäre es Morgens dann bei gut eineinhalb Stunden Fahrt mit der Wohnungsübergabe doch zu hektisch geworden. Nach einer gemütlichen Fahrt kamen wir also mittags dort an und konnten sogar vor Öffnung des Wettkampfbüros noch ein paar schöne Stunden am Strand verbringen. Zur Abwechselung schien nämlich einmal die Sonne. Es waren sogar 18 Grad und im Windschatten großer Felsen wurde es angenehm warm. Ein Hinweis für den nächsten Tag?


Der Startort, wo auch die Startunterlagen ausgegeben werden, war das Chateau de Kerjean. Einen schöneren Hintergrund als dieses Renaissanceschloss aus dem 17. Jahrhundert kann man sich als Veranstalter kaum wünschen. Es ist wie im Bilderbuch, ein würdevoller Gebäudekomplex mit trutziger Umgebungsmauer, großer davor liegender Rasenfläche und von Bäumen umrahmt. Auf dem Parkplatz davor fiel uns bei der Ankunft ein Auto mit Hamburger Kennzeichen auf. Der Fahrer war leider nicht zu orten. Zwischen Parkplatz und Schlosspark stand eine Bühne in Form eines Showanhängers, der nach der Beschriftung eigentlich einem Gemüsehandel dient. Dort konnten sich auch die Kinder für einen Wettlauf einschreiben, der am späten Nachmittag stattfinden sollte. Unsere Coralie meldete sich für die 800 m und Kilian für die 1000 m an. Die Strecke war eine 400 m Runde auf dem Rasen im Schlosspark, die dort austrassiert war. 

Aber erst einmal ging es zur Startunterlagenausgabe im Schloss. Die Kasse war sogar besetzt und die junge Frau fragte auch brav, ob man das Schloss besichtigen möchte oder zum Marathon will. Ich frage mich dann doch ernsthaft, ob jemand an diesem Tag das Schloss besichtigen wollte. Aber da kamen noch ein paar andere Eigenartigkeiten auf mich zu. An der Startnummernausgabe zeigte ich den Computerausdruck meiner Bestätigung vor und stiftete Verwirrung. Die Startnummer war dort nicht vermerkt und Hektik brach aus. Es fand sich aber auch eine alphabetische Liste, die nebenan ausgehängt war und so ließ sich meine Startnummer ermitteln. Die „Unterlagen“ waren recht simpel. Die Startnummer und vier Sicherheitsnadeln. Auch nach intensiver Umschau änderte sich das Ergebnis nicht. Mehr gab es nicht. Daneben gab es noch einen Infostand für einen Marathon in Vannes und in der Provence. Man kann es nicht anders sagen, es war simpel und schnell. Zumindest wenn man seine Startnummer schon wusste.

Intermezzo
Bis zum Start von Coralie galt es also noch Zeit tot zu schlagen. Also noch einmal schnell in der nächsten Stadt getankt und was zum knabbern gekauft. 

Die Wettkämpfe für die Jugend begannen mit einem Lauf für die ganz Kleinen, die immerhin die 400 m Runde laufen müssten. Dramatische Szenen spielten sich ab, es wurde gedrängelt und geschupst, wer fiel brach in Tränen aus. Die Bedingungen waren aber auch hart. Gewertet wird nur der Erste, eine Zeitnahme und Platzierung erfolgte nicht. Wie bei den antiken Olympischen Spielen.

Dann war Coralie an der Reihe. Wir hatten ihr geraten zu warten bis die Drängler weg sind. Sie hätte keine Chance gehabt, weil sie kleiner und schmächtiger ist als ihre Altersgenossen. So joggte sie schon fast gemütlich hinter dem tobenden Hauptfeld her. So hatte sich Papa das aber nicht vorgestellt! Nach der ersten Runde ließ die anfängliche Dynamik der Läufer merklich nach. Coralie hielt aber ihr Tempo nicht nur bei sondern wurde sogar noch schneller. Eine unbeschreibliche Aufholjagd begann. Das Ziel erreichte sie dann als zweites Mädchen und als Fünfte gesamt. Aber sie fiel dem antiken olympischen Prinzip zum Opfer. Nur die Erste bekam einen „Lorbeerkranz“.

Zeit blieb uns nicht und schon musste Kilian an den Start. Das Feld war etwas kleiner, aber es sah schon wieder nach Hauen und Stechen beim Start aus. Auch Kilian riet ich lieber etwas Abstand zu halten. Der Rasen ist zum Laufen sowieso schon ungewohnt. Direkt nach dem Start machte die Ellenbogenfraktion auch schon die Führung unter sich aus. Kilian blieb hinter dem Pulk, der in einem Höllentempo davon stieb. Noch vor Ende der ersten Runde gab der erste auf, der noch am Start durch starke Worte aufgefallen war. In der zweiten Runde löste sich der Pulk auf und Kilian hielt sich an die Regel nur auf den Geraden zu überholen. Er hielt sein Tempo während die anderen einer nach dem anderen einbrachen. Nach zwei Runden lief er noch gut 100 m neben dem führenden Jungen, bis auch dieser nicht mehr mithalten konnte, so dass er mit 50 m Vorsprung das Ziel überquerte. Meine Gefühle sind unbeschreiblich, ich platzte vor Stolz. Kann ein Sohn seinem Vater eine größere Freude machen? In dem Alter wohl kaum. Schon kam auch der Ansager mit seinem Mikrofon für ein kleines Interview. Unser Held des Tages versteckte sich aber schnell hinter Papa, so dass ich Rede und Antwort stehen musste. Bei der Siegerehrung übernahm dann aber Mama diese Aufgabe und gab ein tolles Statement ab. Alleine dafür hat sich die Fahrt schon gelohnt. Den Abend beschlossen wir mit einer zünftigen Pizza.

 


D-Day
Um 6:45 klingelte der Wecker. Der Blick aus dem Fenster befahl: zurück ins Bett. Es regnete in Strömen. Aber bis zum Start waren es ja noch zwei Stunden.

Für das Frühstück musste ich schon verhandeln. Früher als 07:00 war nichts zu machen. Nicht gerade ideal, aber wenn es normalerweise für Sonntags ab 08:30 losgeht schon mal besser als gar nichts. Kaum hatte ich mich gesetzt peilte auch schon eine Nase um die Ecke und fragte, ob es denn schon Frühstück gäbe. Der nächste Läufer! Und dann kamen noch zwei. Warum die nicht schon am Abend vorher mal gefragt haben? Die Essgewohnheiten in Frankreich vor Wettkämpfen müssen anders sein als bei uns. Schnell fragte ich mal, wie das mit dem Chip läuft, der hinten unter einer Folie auf die Startnummer geklebt ist. Ja, der gehöre dahin. Aha! Ich machte mir so meine Gedanken, komme aber zu keinem Schluss, wie das Technisch funktionieren sollte. 
Dann kam das größte Phänomen, über dessen Ausgang wir uns noch nicht sicher sind. Beim Auschecken wollte man unser Geld nicht. Der Veranstalter würde dies übernehmen. Wir erklären zwar, dass wir doch selber gebucht hätten und überhaupt, dass wir auch nicht zur Organisation des Transléonard gehören oder sonst etwas, aber bezahlen dürften wir trotzdem nicht. Unbezahlter Dinge setzten wir uns also bei immer noch strömendem Regen ins Auto. Das Thermometer meldete 11 Grad. Na gut!

Auf dem Parkplatz standen wir dann direkt neben Steffen, dem dritten Deutschen im nicht vorhandenen Bunde. Wir diskutierten die Streckeninformationen. Die zweite Hälfte sollte die anspruchsvollere sein. Man hatte mir schon geraten reichlich die Reserven zu schonen. Trotz Kälte, Wind und Regen entschied ich mich für die Minimallösung. Also alles kurz. Steffen hatte ein Longshirt an und trug ein Kopftuch. Seit Steinfurt bin ich aber der Meinung, dass das mehr hindert als nützt, wenn es nass wird. Auch ließ ich meine Trailschuhe an, um wenigstens für ein paar Kilometer trockene Füße zu haben. Dazu erwog ich einen Schuh und Sockenwechsel bei km 30. Vor dem Start zog ich noch die Folie über, die ich noch vom MüMa hatte. Nutzte auch nicht viel, fror trotzdem. Wir stellten uns in den Windschatten des Starttores. Andere Läufer kauerten unter dem Wagen des Ansagers. Mülltüten waren die beliebteste Bekleidung. Vergeblich suche ich die Startmatte oder etwas mit ähnlicher Funktion. Auf Nachfrage sagt man mir, die käme erst später. Zeitnahme? Französisches System? Es blieb nichts übrig als das so zur Kenntnis zu nehmen.



So kurz vor 9 formierte sich dann der Startblock und auf ein geheimes Zeichen hin liefen wir auch los. Irgendwie habe ich nichts mitbekommen. Kein Countdown, kein Startschuss! Vom Winde verweht? Anfangs lief ich neben Steffen. Er träumte auch von 3:30 h, seelisch hing ich noch an diesem Ziel, aber objektiv konnte das nichts werden. Manchmal dauert es aber einfach, bis man sich damit wirklich abfindet. Das Prinzip Hoffnung ist unsterblich. 

Der Vorwärtsdrang war unglaublich. Das Feld rannte im wahrsten Sinne des Wortes los, als könnte es damit Kälte, Wind und Regen entkommen. Irgendwo verschwand auch Steffen vor mir. Eine zeitlang sah ich noch sein rotes Kopftuch bis es entschwand. Nach einem Kilometer war ich schon durchgehend nass. Einschließlich Socken. Das Wasser quietschte schon in den Schuhen. Dafür war mir aber schon etwas wärmer. 
Ob es nun am Wetter lag oder dem späten Frühstück, bei km 2 musste ich zum ersten Mal ins Gebüsch. Ein schlechtes Omen! Bei km 5 dann der erste „Revitaillement“. Also das hat schon was: Schokolade, Rosinen, getrocknete Aprikosen, Würfelzucker, Orangenscheiben, Lebkuchen (?), Müsliriegel. Ich kann nicht widerstehen und nehme eine Aprikose. Verstoß gegen § 1, ich weiß, aber es war zu verführerisch. Kurz danach standen zwei tropfende Gestalten neben zwei schwarzen Kübeln mit Wasser. Die Schwammstation! Es hatte etwas von Bürokratie. Dieses Bild wiederholte sich dann regelmäßig. Arme Hunde, Dienst für nix. Noch nicht einmal km 8 und ich musste schon wieder in die Büsche. Es war zum Verzweifeln. Die ersten 10 km bis Plouescat sind wellig. Der Puls spielte Jojo und ich hatte das Gefühl, dass er lieber oben blieb. Aber noch war alles im grünen Bereich. Von der Seite wurde ich auf Deutsch angesprochen. Ein drahtiger Läufer mit grauem Bart, so etwa M 50, fragte mich ob ich denn zu der deutschen Gruppe gehöre. Nein wir sind nicht organisiert, alle zufällig da und kennen uns auch nicht. In dieser Ecke der Welt war ich doch überrascht, dass jemand so fehlerfrei und fast akzentfrei Deutsch spricht. Von Plouescat ging es für die nächsten 10 km an der Küste lang. Es waren „die flachen 10 km“. Manchmal an ausgedehnten Stränden und dann wieder an Felsformationen entlang. Im Gegensatz zur Südküste sind die Felsen hier aber alle abgerundet. Wie riesige Kieselsteine. Sie geben der Landschaft direkt einen ganz anderen Charakter. Bei km 12 kam es, wie es kommen musste, ich musste mal wieder und verlor meinen Gesprächspartner. So ist das eben beim Marathon. Zwar holte ich wieder auf, weil ich mal etwas aufs Tempo drückte, aber nach dem nächsten Verpflegungspunkt dürfte ich mal wieder und schon war er endgültig von dannen. Bei km 16 standen dann meine Getreuen mit meiner Verpflegung. Es gab Squeezy und meinen Spezialmix. Wieder einmal wurde ich angesprochen, woher ich denn komme. Der Mann war auch schon in Berlin gelaufen und war sehr begeistert. Die Strecke verlief jetzt über freies Feld und der Gegenwind lässt das Gespräch verstummen. Wie definiert man die Stärke des Windes? Jeder KM war markiert. Bei jedem dritten Schild stand aber nur noch der Holzrahmen und das Schild lag ein Stück weiter in Windrichtung. Kann natürlich auch sein, dass die Befestigung äußerst schwach war. Meine Begleiter waren ein Stück zurück gefallen und holten wieder auf. Der Mann lief links neben mir, die Frau aber ein Stück rechts hinter mir. Nun wollte ich ihr die Position an der Seite ihres Partners nicht streitig machen und rückte zur Seite. Sie aber hielt standhaft ihre Stellung, bis ich endlich kapierte, dass sie sich in meinem Windschatten hielt.


Bei km 20 erreichten wir Goulven. Eine größere Gruppe schloss auf und wieder trennten sich die Wege. Im Ortskern spielte eine Kapelle und es gab eine Tribüne mit einem Sprecher, den ich allerdings nicht verstand. Hinter einem Tresen auf der Straße winkte mich jemand fröhlich heran. Als ich erkannte, dass er mir tatsächlich ein örtliches Bier geben wollte, machte ich mich zügig von dannen. Finisherlaune schon vor der HM Marke? Das kann nicht gut gehen. Hier dürfte ich dann auch zum letzten Mal hinter eine Hecke springen. Ich wusste es noch nicht, aber zum Glück blieb es dabei. Hinter der nächsten Kurve war dann die HM Marke mit Zeitmessung. 01:57:56 zeigte die Uhr. Der härtere Teil sollte jetzt erst kommen. Ob ich noch sub 4h schaffen würde? Wind und Regen lachten mich aus. Aber etwas dünner war er schon geworden, der Regen. 

Wieder einmal wurde ich angesprochen. Der übliche Infoaustausch. Ja, man ist auch schon in Düsseldorf gewesen. Blabla. Ein großer kräftiger Mann, der sehr locker und fröhlich lief. In einer Gruppe laufe es sich auch viel leichter. Diese wäre die mit dem 4h Pacer. Aha! Immerhin ein Anhalt. Eine Kennzeichnung hatte er nicht. Aber mit einem Luftballon hätte er heute auch kein Glück gehabt. Das Tempo der Gruppe war für mich aber diesmal an der Grenze. Bei den Steigungen kam ich locker an das 90% Limit. Es wurde immer schwerer den Puls wieder runter zu kriegen. Ein Einbruch war bei diesem Lauf verboten. Als einer von drei Deutschen und vier Ausländer überhaupt, ein Engländer war auch dabei, ruhten die Augen natürlich auf mir. Manchmal musste ich die Gruppe einfach ziehen lassen, holte aber immer wieder auf. Flache Abschnitte gab es hier keine mehr. Dafür ließ aber der Regen deutlich nach. Langsam quoll das Wasser aus den Schuhen. Jetzt waren die Füße nur noch nass und müssten nicht mehr schwimmen. Alternativ wurde der Asphalt grob – richtig grob – und bald schotterartig. Die aufgeweichten Füße schmerzten, wieder ein Problem, das ich bislang nicht kannte. Auch die Oberschenkel meckerten, sie waren so viele Steigungen einfach nicht gewohnt. Die Quittung kam aber erst am nächsten Tag, da war es ein Gefühl wie nach dem ersten Marathon, wo man kaum die Treppe rauf und runter kommt. 

Die Strecke wurde wieder etwas flacher und ich konnte die 4h Gruppe hinter mir lassen. Bei km 25 stand eine Gruppe Dudelsackspieler, die auf einem Anhänger nur durch eine Plane geschützt Kälte und Regen trotzten. Das hatte mal was und motivierte mich unerwartet. Einige Zeit lang hörte ich von hinten eine Sirene und irgendwann überholte ein Notarztwagen und hielt neben einem Krankenwagen, der am Wegesrand stand. Darin saß jemand, der anscheinend in eine Alufolie eingewickelt wurde. Man konnte den goldigen Schimmer durch die Scheibe sehen. Aber weiter ging es. Vor der nächsten Biegung konnte man schon sehen, was auf einen zukommt. In Schwaden trieb der Wind den Regen mit sich. Gerade noch von der Seite kommend lief man in der Kurve frontal hinein. 

Bei km 28 ging es am Hafen von Brignogan entlang. Immer wieder standen einzelne Zuschauer oder auch Gruppen am Straßenrand und feuerten die Läufer an. Mein Respekt gilt auch den ganzen Straßenposten, die die überaus geduldigen Autofahrer anhielten, bis sich vielleicht eine Lücke auftat, sowie den Betreuern, die an manchmal wirklich ungünstigen Stellen ihren Dienst für uns taten. In Brignogan stand auch wieder mein treuer Versorgungstrupp. Er sah nicht wirklich trockener aus als ich. Am Versorgungspunkt Point de Menhir holte mich der 4h Gruppe zum letzten Mal ein. Der Punkt hat seinen Namen verdient. Ein mindestens fünf Meter hoher Monolith mit einem kleinen Steinkreuz oben drauf. Ab hier wurde das Gelände für mich günstiger. Die Steigungen waren zwar länger, aber deutlich flacher. Den Gedanken die Schuhe zu wechseln ließ ich fallen, es hätte mich zuviel Zeit gekostet. Die Entscheidung erwies sich auch aus anderem Grund als richtig. Hinter der nächsten Biegung kam ein Leuchtturm vor uns in Sicht. Ende im Gelände? Die Strecke führte über einen Campingplatz. Das garantierte natürlich Zuschauer, aber die Wege waren ungepflastert und in dem bräunlich / gelben Schlamm wäre ich mit meinen frisch getauschten Schuhe schon nach einem km genauso gut dran gewesen wie ohne Wechsel.

An km 33 stand nochmals meine Familie, aber mehr als ein kurzes Winken war nicht drin. Bald danach ging es auch noch ein letztes Mal zum Strand hoch. Am Ende der Steigung nochmals ein VP. Jemand reichte mir einen Becher, aber es war wohl ein Isogetränk, das ich nach kurzem Nippen wegschüttete. Der folgende Abschnitt war der landschaftlich schönste und Petrus hatte auch ein Einsehen und ließ den Regen versiegen, damit man etwas davon hatte. Der Boden war unter aller Würde und konnte schon als Trailstrecke herhalten, aber die Felsformationen links und rechts entschädigten für das bisherige Ungemach. Langsam wurde es auch einsam auf der Piste. Bei VP am km 37 standen gerade noch zwei Läufer. Ab hier sollte Kilian eigentlich mitlaufen, aber niemand war zu sehen. Die Strecke wurde wieder flacher und ich nahm keine Rücksicht mehr auf den Puls. Die paar km würde ich schon durchhalten. Bei km 40 nahm ich am VP noch eine Cola für die Reststrecke. Kurz dahinter stand auch die Familie und Kilian riss sich die Jacke vom Leib und schloss sich mir an. Vielleicht auch besser so, dass er erst ab hier mitlief, den Guisseny, der Zielort, war erst einmal wieder mit einem netten Anstieg verbunden. Wir holten immer mehr gehende Läufer ein. Im Ort füllten sich auch die Straßenränder, was auch daran liegen mochte, dass der Regen immer noch eine Pause einlegte. Im Ort selber noch eine böse Überraschung. Nochmals ein kerniger Anstieg. Aber auch der wurde gemeistert. Vor uns liefen zwei Frauen in Brautkleidern und begleiteten ihre frisch Angetrauten auf den letzten Metern. Um eine Ecke ging es dann auf die Zielgerade. Der versprochene rote Teppich fehlte, wahrscheinlich zu glatt bei der Nässe. Wir spurteten los, wie wir das gerne auf den letzten 100 Metern machen und überholten noch einige Läufer. Einer vertrug das nicht und überholte uns nochmals auf den letzten 10 Metern. Auch egal. Dann wieder eine Überraschung. Im Ziel stand ein Mann mit einem Detektor, wie man ihn von den Flughafen kennt und hielt ihn vor die Startnummer. Ein Piep und die Zeit war drin. Es gab also nur eine Bruttozeit. Auch gut. Im Ziel sowieso. Aber da herrschte das blanke Chaos. Ich bekam die Medaille umgehängt und eine Tüte in die Hand gedrückt. Kein Getränkestand in Sicht. Dafür eine mobile Creperie und noch irgendein Verkaufsstand. Ich fragte nach und ein „Organisator“ fischte aus meiner Tüte einen Getränkebon. Einzulösen im Saal nebenan. Und Duschen? Ja, irgendwo da links. Genaues wisse man aber nicht. Ein anderer Läufer fragte nach Massage. Ja! Wo? Keine Ahnung? Orga? Ohjeee!!! 
Wenigstens traf der Rest der Familie nach einer kleinen Odyssee ein und in dem endlich identifizierten Saal gab es auch reichlich zu Essen und zu Trinken. Mir war aber mehr nach Duschen und Umziehen, so dass ich nur einen Tee getrunken habe. Für den so wichtigen Bon gab es dann ein Bier. Mit Alkohol natürlich. Hmmm! Nach einer unfreiwilligen Ortsbesichtigung fanden wir auch die Sporthalle mit den Duschen. Immerhin drei Stück für XXX Menschen. Kein Kommentar! Das Wasser war immerhin noch warm und nach kurzer Auffrischung haben wir dann die Heimreise angetreten. Selten hat das alkoholfreie Weizen, über 1000 km sicher mitgeführt, eines hier bekannten Sponsors so gut geschmeckt wie auf dieser Fahrt.

Meine Frau könnte einen eigenen Bericht schreiben. Nur ein Highlight aus ihren Erlebnissen. Keiner der Streckenposten, den sie gefragt hat, wusste überhaupt bei welchem km er selber steht. So verwundert es nicht, wenn ein Franzose in einem Forum über den Düsseldorf Marathon schreibt: Organisation: deutsch, mehr muss man dazu nicht sagen.

Fazit
Sehr schöne Medaille und ein sehr schönes Finishershirt. Urkunde? Keine Ahnung.
Bei gutem Wetter gerne noch mal. Aber so sauber möchte ich nicht nochmals einen Marathon finishen. 

Klar

Die Zeit: 3:54:04 h

 

 

Peter Müller, Team Kempen 

 

>> 07.07..2007