Ist ein Laktat–Feldstufentest Pflicht?
Antwort: Er ist sinnvoll, aber nicht zwingend notwendig.

Ziele der Leistungsdiagnostik sind:
1. Leistungsniveau ermitteln
2. Optimale Trainingsbereiche festlegen
3. Unter- und Überbeanspruchung vermeiden
4. Trainingsanpassungen ermitteln.
Als Sportarzt kann ich schlecht gegen die Laktat – Leistungsdiagnostik sprechen, denn ein geflügeltes Wort lautet: „Das Laktat ist Muttermilch der Sportmedizin“, aber die optimalen Trainingsbereiche ermitteln wir bei über 80% der Teilnehmer mit geringerem Aufwand und stabileren Testergebnissen im Steigerungslauf. Die Ergebnisse des Steigerungslaufes und verschiedene Trainingspläne werden ihnen ein adäquates individuelles Training unter Vermeidung von Über- und Unterbeanspruchung ermöglichen. Wir sind keine Profisportler, deren Trainer fortlaufend die Anpassungen des Körpers und der Leistungsfähigkeit kontrollieren muss, um Optimierungen der Trainingsmethodik einzuleiten.

Dennoch ist auch für Breiten- und Gesundheitssportler ein Laktat – Feldstufentest in bestimmten Fällen sinnvoll, was ich gerne detailliert erklären möchte.
Bei diesem Test laufen Sie im Stadion im Oval Runden in einem vorgegeben Tempo auf einer 400 m Bahn, die mit Pylonen in 50 m Abschnitte eingeteilt ist. Ein akustischer Taktgeber signalisiert Ihnen, wann Sie die Pylone erreicht haben müssen. Alle 800 m legen Sie eine Pause von einer Minute ein. Kurz vor Erreichen der 800 m Marke kontrollieren Sie Ihren Puls auf Ihrer Pulsuhr. In jeder Pause wir Ihnen aus dem Ohrläppchen Blut abgenommen, aus dem der Laktatwert bestimmt wird. Von Runde zu Runde gibt Ihnen der Signalgeber ein schnelleres Tempo vor. Für eine aussagekräftige Untersuchung sollten Sie mindestens vier, aber besser sechs Runden absolvieren. Ihre Herzfrequenz und Ihre Laktatwerte werden als Verlaufskurven in ein Koordinatensystem übertragen und zur Laufgeschwindigkeit ins Verhältnis gesetzt.
In unserem Projekt bevorzugen wir zunächst den Steigerungslauf zur Ermittlung ihrer individuellen Trainingsbereiche. Dieser Test ist einfach, schnell und ohne großen Aufwand auch bei einer großen Gruppe von Läufern durchführbar. Wir müssen bei Ihnen nicht mehrfach Blut abnehmen, sind nicht auf ein Labor angewiesen und es entstehen Ihnen auch keine Kosten. Es ist ein zweckmäßiger Test und für unsere Ziele eine ausreichend zuverlässige Messmethode. Der Steigerungslauf ist von ihnen individuell selbstständig jeder Zeit reproduzierbar. In vielen Fällen steht er dem aufwendigeren Laktattest in der Genauigkeit und Aussagekraft nicht nach und ist kostengünstiger.

Der wesentliche Unterschied liegt nicht in der Genauigkeit oder Ungenauigkeit des einen oder anderen Testes, sondern darin, dass
· der Steigerungslauf ein maximaler Belastungstest und
· der Laktattest ein submaximaler Belastungstest ist.

Sind Sie hoch motiviert, tatsächlich an ihre Leistungsgrenze zugehen, körperlich gesund, maximal belastbar und verfügen über ausreichende mentale Härte, dann können Sie im Steigerungslauf tatsächlich ihre individuelle Hfmax ermitteln. Dieser Wert bleibt über Jahre stabil. Er ist keine Momentaufnahme. Wie oben eingehend beschrieben, kann man ausgehend vom Hfmax ihre Trainingsbereiche berechnen und differenziert nach Plan trainieren.

Und was ist mit weiterführender Leistungsdiagnostik?
Im Spitzen- und Hochleistungssport gibt es noch weitere Methoden der Leistungsdiagnostik. Zu nennen sind hier insbesondere die Spiroergometrie, der Laktat-Stufentest und die multifaktorielle Leistungsdiagnostik.
Anhand des Laktat-Wertes (das Salz der Milchsäure) im Blut wird festgestellt, ob während der Belastung im Muskel ein Gleichgewicht zwischen Sauerstoff-Zufuhr und -Verbrauch bestanden hat. Überschreitet die muskuläre Belastung dieses Gleichgewicht, geht der Stoffwechsel eine so genannte Sauerstoffschuld ein. Die Glukose wird ohne Sauerstoff nur unvollständig bis zur Milchsäure (Laktat) abgebaut. Diese häuft sich an, der Laktat-Spiegel steigt und blockiert nach und nach die Energiebereitstellung im Stoffwechsel.
Die Sauerstoffschuld muss nach der Belastung wieder nachgeatmet werden. Dieses Phänomen kennt jeder Sportler, wenn er nach einer extremen Belastung außer Atem ist.

Um die Anforderungen zur praktischen Nutzung der Leistungsdiagnostik zu erfüllen, muss der Test sportartspezifisch durchgeführt werden. Eine Fahrradergometer-Belastung ist für einen Läufer genauso wenig zur Trainingssteuerung geeignet, wie eine Laufband-Ergometrie für einen Rennradfahrer. Eine Leistungsdiagnostik für Läufer sollte also nicht auf dem Rad, sondern laufend in Form eines Feldtests oder auf einem Laufband z. B. mit Hilfe einer Spiroergometrie durchgeführt werden. Bei der Spiroergometrie werden noch zusätzlich die energieliefernden Prozesse in Bezug auf Leistung und Dauer, maximale Sauerstoff-Aufnahme (VO2 max) und CO2-Anteil der ausgeatmeten Luft und die daraus errechneten Anteile der Kohlenhydrat- und Fettverbrennung mit erfasst.

Leider sind die Ergebnisse laut Prof. Herrmann Heck bei Laktatstufentests mit einem mittleren Fehler von 15% Abweichung behaftet. Weiterhin wird es den Laien überraschen zu lesen, dass es diverse mathematische und analytische Methoden gibt, anhand der Laktatkurve die anaerobe Schwelle zu ermitteln. Ein Laktattest liefert deshalb leider nicht „den einen exakten Schwellenwert“, sondern z.B.
· „die fixe aerob-anaerobe 4 mmol Schwelle nach Mader“ oder
· „die individuelle anaerobe Schwelle nach Keul“ oder
· „die individuelle anaerobe Schwelle nach Stegemann/Kindermann“ oder
· „die Schwellenbestimmung nach der +1,5 mmol Methode von Dickhut“.

Wenn ein und dieselbe Kurve eines Läufers nach diesen verschiedenen Methoden analysiert wird, dann ergeben sich Unterschiede von 17,5% im Schwellenwert. Liegt die fixe Schwelle nach Mader bei 4 mmol/l, dann kann sie nach der Kindermann Methode bei 3,3 mmol/l liegen. Sämtliche Schwellenkonzepte sind mathematisch statistisch errechnete Bezugspunkte. Jedes Konzept ist gleich gut oder gleich schlecht. Es kommt auf den Diagnostiker an und welche Erfahrung er mit diesem Konzept gesammelt hat. Eine Überprüfung im Training ist unbedingt erforderlich. Profisportler und ambitionierte Sportler sichern die Testergebnisse mit einem sogenannten MaxLaSS Test ab. Hierbei handelt es sich vereinfacht ausgedrückt um einen Laktat Langzeitausdauertest im aerob-anaeroben Übergangsbereich, um den maximalen Laktat Steady State zu ermitteln. 
Wirklich seriöse Aussagen über den Leistungsstand und Hinweise zur Trainings-Gestaltung können genauer nach dem MaxLaSS Test und multifaktoriellen Leistungsanalysen gemacht werden, in denen neben den oben genannten Messwerten wie VO2max, Fettverbrennung, anaerobe Schwelle und Geschwindigkeit des Laktatanstiegs auch der Fettanteil, der Laktatabbau, die Laufökonomie, die Stoffwechselkinetik, die Beschleunigung und die maximale Leistung mit einbezogen werden. Diese Untersuchungen sollten im Trainingsjahr regelmäßig wiederholt werden, um den aktuellen Status und Verlauf zu ermitteln.
Für den durchschnittlichen Marathonläufer im Freizeit- und Breitensportbereich sind diese Untersuchungen aber nicht zwingend erforderlich. Ein regelmäßig durchgeführter Steigerungslauf oder Ermittlung der Hfmax in einem 3000 m oder 5000 m Wettkampf mit regelmäßiger entsprechender Anpassung der aktuellen Trainingsbereiche an die maximale Herzfrequenz erscheinen mir persönlich ausreichend und angemessen.

Interessant ist die Leistungsdiagnostik und ein Laktat – Feldstufentest sicherlich für Läufer die

· aus Gesundheitsgründen nicht maximal belastbar sind. Beispiele wären

o Belastungsasthma: Die Leistung ist nicht konditionell limitiert, aber die asthmatische Reaktion der Bronchien lässt die maximale Ausbelastung nicht zu. Die Beine können, das Herz kann, aber die Bronchien spielen nicht mit. Ein submaximaler Laktattest ist aber durchführbar und liefert eine Grundlage zur Berechnung der Trainingsbereiche.

o Herzerkrankungen: Hier ist in vielen Fällen ein Lauftraining aus therapeutischen Gründen wichtiger als so manches Medikament. Eine moderate Belastung ist sinnvoll. Aber wo liegt die individuelle Zielzone? Das lässt sich mit dem Laktat Feldstufentest gut ermitteln, ohne den Herzkranken maximal auszubelasten.

o Krebserkrankungen: Nach Operation, Chemotherapie und Bestrahlung ist das Lauftraining eine hochwirksame Behandlungsmaßnahme, um Krebsrückfälle zu vermeiden und den Patienten rasch wieder ins gesellschaftliche Leben und die Arbeitswelt wieder einzugliedern. Eine erschöpfende Ausbelastung durch einen Steigerungslauf ist bei diesen Läufern aber nicht zweckmäßig und nicht sinnvoll. Ein Laktat – Feldstufentest ist hier sinnvoll.

· sich aus psychischen Gründen nicht maximal belasten können

o Angsterkrankungen: Bei der generalisierten Angststörung, sozialen Phobien und Panikstörungen ist das Lauftraining neben der Pharmakotherapie und der Verhaltenstherapie ein wichtiger etablierter Therapiepfeiler. In den renommierten psychosomatischen Kliniken wird deshalb mit allen Patienten mindestens dreimal in der Woche ein Nordic Walking oder Lauftraining absolviert. Die Patienten haben aber Angst vor ihren Körperwahrnehmungen bei maximalem Anstrengungs- und Luftnotempfinden. Sie müssen erst lernen diese Körperwahrnehmung unter Belastung von Angstsymptomen zu unterscheiden. Deshalb ist auch hier ein submaximaler Leistungstest hervorragend geeignet.

o Depressionen: Bei dieser sehr häufigen Erkrankung ist die Lauftherapie hochwirksam. Ein Steigerungslauf würden die Betroffenen aber vor große Probleme stellen, denn ihnen fehlt ja die notwendige Motivation, Willensstärke und mentale Härte den Test durchzuhalten. Auch in diesen Fällen ist ein Laktat – Feldstufentest zu empfehlen, um den optimalen Trainingsbereich zu ermitteln. Der Läufer weiß dann, dass er diesem Bereich angemessen belastet ist, ohne sich zu über- oder unterfordern. 

· frequenzmodulierende Medikamente einnehmen müssen wie z.B. Beta-Blocker, Calciumantagonisten, Schilddrüsenmedikamente, Dosieraerosole zur Behandlung von Asthma oder chronische Bronchitis etc.

Bei diesen Sportlern macht ein submaximaler Belastungstest Sinn. Ich kann die Läufer moderat bis zu anaeroben Schwelle belasten und dann von den Messwerten aus, die Trainingsbereiche rechnerisch ermitteln. Problematisch ist hier leider nur, wie oben bereits angesprochen, dass Laktatstufentests mit einem mittleren Fehler von 15% Abweichung behaftet sind. Das hängt damit zusammen, dass auch hier viele Faktoren die Messergebnisse beeinflussen. Hat die Testperson sich kohlenhydratarm ernährt (low carb) oder einfach nur zu wenig gegessen oder am Tag vorher hart trainiert, dann sind die Kohlenhydratspeicher nicht optimal gefüllt. Ohne ausreichend Kohlenhydrate kann der Läufer aber nicht im vollen Umfang Laktat bilden. Die Laktatbildung ist verzögert. Die Messwerte fallen niedriger aus und steigen später an. Das erweckt dann fälschlich das Bild eines hochtrainierten Sportlers. Man nennt das Phänomen Laktatermüdung. Die errechneten Trainingsbereiche werden viel zu hoch angesetzt und der Läufer völlig überfordert. Übertraining wäre die Folge. Wenn Sie also eine Leistungsdiagnostik durchführen lassen wollen, dann achten Sie bitte strikt auf folgende Punkte, damit die Aussagekraft der Testwerte möglichst hoch und unverfälscht bleibt:

· Ein Test ist eine Art Wettkampfsituation. Bereiten Sie sich dementsprechend sowohl physisch, wie psychisch auf diesen Test vor, genauso, wie Sie das vor einem Wettkampf tun würden.

· Ruhen Sie sich in den letzten zwei Tagen vor dem Test aus. Keine hohen Umfangs- und Intensitätsbelastungen mehr. Regeneratives Training ist möglich. Kein Lauf mehr über 30 Minuten, keine Radeinheit mehr über 90 Minuten. Körperliche Alltagsbelastungen vermeiden.

· Kommen Sie nicht mit Rad zum Test. Benutzen sie einen PKW oder öffentliche Verkehrsmittel.

· In den letzten zwei Wochen vor dem Test, sollten Sie keine Wettkämpfe bestritten haben.

· Füllen sie in den letzten zwei Tagen vor dem Test ihre Kohlenhydratspeicher auf. Achten sie auf eine ausreichend Flüssigkeitszufuhr.

· Nehmen sie in den letzten 3 Stunden vor dem Test keine schweren Mahlzeiten mehr zu sich. Kommen Sie jedoch auch nicht vollkommen nüchtern zum Test.

· Bitte trinken Sie in den letzten Stunden vor dem Test ausreichend.

· Unmittelbar vor dem Test bitte keine zuckerhaltigen, hochkalorischen Produkte mehr einnehmen. Kurzkettige Kohlenhydrate (Süßigkeiten, Zucker, Cola, Schokolade, Kuchen etc.) in der letzten Stunde vor dem Test können zu einer Insulinausschüttung und in deren Folge zu niedrigen Blutzuckerwerten beim Test führen. Das würde Testwerte verfälschen.

· Diätmaßnahmen mit weniger als 30 % Kohlenhydratanteil (low carb) führen aufgrund reduzierter Kohlenhydratspeicherung zu verminderter Laktatbildung. Die Testergebnisse werden verfälscht und täuschen vor, Sie seien leistungsstärker. Die abgeleiteten Trainingsbereiche führen Sie ins Übertraining.

· Eine Ernährung mit mehr als 70 % Kohlenhydratanteil dagegen kann zu erhöhter Kohlenhydratspeicherung und folglich auch zu erhöhter Laktatbildung führen. Die Testergebnisse werden verfälscht und täuschen vor, Sie seien leistungsschwächer. Die abgeleiteten Trainingsbereiche werden Sie unterfordern. 

· Alkohol hemmt die Regeneration der Kohlenhydratspeicher. Daher empfehlen wir den Verzicht auf Alkohol ab mindestens 48 Stunden vor dem Test.

· Verzichten Sie 2-3 Stunden vor der Untersuchung auf den Konsum Kaffee, Tee, Energydrinks oder Nikotinkonsum.

· Kommen Sie bitte nur fit zum Test. Ein Test während einer akuten Krankheit ist weder aussagekräftig, noch gesund.

· Leiden Sie unter einer chronischen Erkrankung (Beispiele siehe oben), in deren Rahmen der Test die Grundlage zur Berechnung der Trainingstherapie ist, sollte das Testpersonal hierüber informiert werden, da sonst keine krankheitsbezogene Führung durch den Test und Deutung der Messwerte möglich ist.

· Das gleiche gilt für alle Testpersonen, die Medikamente nehmen, welche die Herzfrequenz beeinflussen können wie z.B. Betablocker, Digitalis, Calciumantagonisten, Schilddrüsenmedikamente, Dosieraerosole für Asthma bronchiale und chronische Bronchitis etc. Bringen Sie den Beipackzettel der Medikamente mit zum Test.

· Machen Sie sich mit den Funktionen ihrer Pulsuhr vertraut, damit Sie zu jeder Zeit des Tests, die exakte Herzfrequenz ablesen können.

· Führen Sie den Test in leichter, aber dennoch der Außentemperatur angemessenen Rennbekleidung durch. (Bitte keine Jacken oder Trinkgürtel etc.)

· Während des Tests wird mehrfach Blut aus ihrem Ohrläppchen abgenommen. Das Blut kann auf ihr Shirt tropfen. Tragen Sie deshalb am besten ein dunkles Laufshirt.

· Haben Sie individuelle Probleme wie zum Beispiel eine Nadelphobie, Blutphobie oder Neigung zu Panikattacken oder Hyperventilation informieren Sie das Testpersonal vor Testbeginn.

Unverzichtbar ist die Leistungsdiagnostik dahingegen im Profi- und Leistungssport. Hier liegt eine ganz andere Situation vor. Der Trainer benötigt objektive Messwerte, um das Training feinzujustieren. Subjektive Angaben des Sportlers zu seinem Belastungsempfinden sind hier nicht ausreichend. Sie können verzerrt wahrgenommen oder bewusst falsch angegeben werden. Ein Kaderathlet, der ins Team möchte, würde immer behaupten, er schafft die Belastung des Grundlagentrainings ohne große Anstrengung, auch wenn er sich regelmäßig überfordert. Andere Profis schonen sich im Training und gehen nicht wirklich an ihre Grenzen, wie der Trainer es von ihnen verlangt.

In diesen und vielen anderen Konstellation liefert die Laktat – Leistungsdiagnostik schnell und zuverlässig objektive Daten, um das Leistungsniveau zu ermitteln, optimale Trainingsbereiche festzulegen, Unter- und Überbeanspruchung zu vermeiden und Trainingsanpassungen nachzuweisen.

Dr. med. Michael Fritz
Facharzt für Allgemeinmedizin
Sportmedizin

 

 

 

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