„Du bist doch sportsüchtig!“
Wenn Begeisterung zur Sucht wird.

Na, Hand auf’s Herz. Wann durftest Du Dir das letzte mal von Deinen Kollegen, Freunden und Bekannten anhören: „Du bist doch sportsüchtig!“; „Das ist doch nicht mehr normal, wie viel Du trainierst!“; „Meinste nicht, dass Deine sportlichen Ziele total überzogen sind?!“

Und? Wie hast Du reagiert? Hast Du auch gelacht und gedacht „Was die wieder wollen. Die alten Couch-Potatoes haben doch eh keine Ahnung!“ Und dann das Thema einfach weggedrückt, die Laufschuhe angezogen und erstmal ein lockeres Läufchen gemacht. ....

 
Also, was ist dran am Thema „Sportsucht“ und vor allem, zählen wir Marathonis zur Risiko-Gruppe?
 
Bewegung ist gesund. Aber leider nicht immer. Wenn das richtige Maß verloren geht, kann Sport zur alles beherrschenden Lebensform werden. Die „Sportsucht“ ist eine sog. nichtstoffliche Verhaltenssucht, die sich durch den inneren Zwang nach sportlicher Betätigung äußert. Sportsüchtige benötigen also keinen „Stoff“ wie Alkohol, Kokain oder Heroin um sich den Kick zu geben. Ihre Droge ist der Sport. Dabei tritt die Sportsucht oftmals im Verbund mit „Essstörungen“ und/oder der sog. „Muskelsucht“ auf:

  • Ess-Störungen: Intensives Trainieren dient vor allem dazu, das Körpergewicht zu reduzieren und ein bestimmtes Figurideal zu erreichen. (Anorexia Athletica)

  • Muskelsucht: zwanghafter Wunsch, immer mehr Muskelmasse aufzubauen (Muskeldysmorphie
    [Quelle: Wikipedia – Sportsucht, 2008]

Psychologen schätzen, dass in Deutschland etwa ein Prozent der Bevölkerung von Sportsucht betroffen ist. Sportarten, in denen man Sportsüchtige häufiger antrifft, sind:

  • Ausdauersportarten wie Langstrecken-Laufen (Marathon), Fahrradfahren, Triathlon

  • Fitness-Sport: "permanent residents" in Fitnessstudios

  • Bodybuilding und Kraftsport;
    [Quelle: Pichler: „Der Sport-Rausch“, 2007]

Das Abdriften in den exzessiven Sport geschieht dabei oft unbemerkt. Die sportliche Betätigung wird mit und mit der zentrale, alles beherrschende Lebensinhalt. Der Sport wird nicht um den Alltag geplant, sondern der Alltag um den Sport. Dauer und Belastung werden kontinuierlich gesteigert. Hocherlebnisse sollen wiederholt werden. Aber: eine Wiederholung allein reicht nicht. Es muss mehr sein. Eine weitere Strecke. Ein steilerer Berg. Der Drang zu trainieren wird als innerer Zwang erlebt. Entzugserscheinungen treten auf, wenn der Sport nicht betrieben werden kann - Nervosität oder Schuldgefühle sind Symptome. Verletzungen werden ignoriert und körperliche Grenzen ausgeblendet. Beruf oder soziale Kontakte werden wegen des Sports vernachlässigt oder aufgegeben. [Quelle: Knobloch, Allmer, Schack: "Nicht nur Drogen machen süchtig"]

Mögliche Ursachen für die zwanghafte Fixierung auf den Sport können sein: 

  • Durch besondere Leistung wird das Selbstbewußtsein des Sportlers gehoben. Sport kann so als Kompensation von Defiziten dienen.

  • Das gute Gefühl der Erleichterung und des Stolzes nach der sportlichen Quälerei. Diese intensiven Emotionswechsel (Affektwechsel) können Suchtverhalten fördern.

  • "Endorphin-Theorie" (umstritten): euphorische Zustände bei intensiver Aktivität durch Endorphin-Ausschüttungen des Körpers. ("Runner's High").
    [Quelle: Beckmann: „Wenn Sport zur Sucht wird“; Uni Potsdam]

Regelmäßige Bewegung, Sportbegeisterung und Sportsucht sind im Einzelfall schwer voneinander zu unterscheiden. Nicht jede(r), der mit Begeisterung und Leidenschaft Ausdauersport betreibt ist auch sportsüchtig. Es kommt darauf an, wozu der einzelne den Sport für sich instrumentalisiert. Welchen Platz der Sport in seinem Leben einnimmt. Oftmals sind die Betroffenen leider die letzten, die ein Suchtverhalten an sich erkennen (wollen). Freunde und Angehörige nehmen dies u.U. wesentlich früher wahr. Um so wichtiger ist es für uns Ausdauersportler, dem Thema offen zu begegnen. Nicht dogmatisierend oder hysterisch, sondern angemessen. Nicht das Thema „Sportsucht“ einfach wegdrücken, sondern im Falle der Kollegen- oder Freunde-Schelte die Chance zur ehrlichen (Selbst-) Reflexion nutzen. Und bei aller Begeisterung für unseren Sport, ihm den richtigen Platz in unserem Leben zuzuweisen: Als eine der tollsten Freizeitbeschäftigungen und schönsten Nebensachen.  

(Hans Schümmer)

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>> 17.02.2008